Funktionsbeschreibung

Steckbrief

Eine Funktionsbeschreibung (functional description) ist eine systematische, detaillierte Beschreibung aller Regel- sowie Steuerfunktionen einer verfahrenstechnischen Anlage. Sie enthält die Funktionen aller Komponenten der Anlage sowie deren Zusammenspiel.

Inhalt

Der Inhalt einer Funktionsbeschreibung kann je nach verfahrenstechnischer Anlage und deren Komplexität stark variieren. Für einfache verfahrenstechnische Anlagen, beispielsweise einem einfachen Dosiersystem für Chemikalien, kann die Funktionsbeschreibung wenige Seiten umfassen. Je komplexer die Anlage wird, desto umfangreicher ist die Funktionsbeschreibung und desto wichtiger ist ein strukturierter Aufbau. Hierbei empfiehlt es sich, die Anlage in mehrere funktionelle Teilsysteme zu untergliedern, welche dann weiter im Detail beschrieben werden. Die Interaktion der Teilsysteme kann in einem übergeordneten Kapitel beschrieben werden.
Der Inhalt der Teilsysteme und besonders die Beschreibung der Regel- und Steuerfunktionen kann in Fließtextform, als auch in tabellarischer Form stattfinden. Für eine gute Verständlichkeit der Funktionen hat sich eine Mischung aus beidem etabliert. Die in der Funktionsbeschreibung beschriebenen Funktionen, sind ebenso auf dem Rohrleitungs- und Instrumentenfließschema darzustellen. Durch das Benennen der Referenzkennzeichnungen kann das R&I so zum zusätzlichen Verständnis herangezogen werden.

Für eine möglichst zielführende Funktionsbeschreibung, empfiehlt es sich, den Aufbau und der Informationsgehalt regelmäßig mit den Empfängern des Dokumentes (vor allem Programmierern, welche die beschriebenen Funktionen programmieren müssen) schon während der Erstellung abzustimmen.

Allgemeines

  • Projektdaten: Projektname, Projektnummer, Auftraggeber und ggf. Ort der verfahrenstechnischen Anlage
  • Verantwortliche Personen: Projektverantwortliche inklusive Kontaktmöglichkeiten
  • Revisionstabelle: Revisionsnummer, Dokumentenstatus, Ersteller, Prüfer, Freigeber und Freigabedatum

Informationen

Der Inhalt und Umfang einer Funktionsbeschreibung kann je nach Anlagengröße und Komplexität stark variieren. Typischerweise umfasst eine Funktionsbeschreibung mehrere bis hunderte Seiten und enthält folgende Informationen:

  • Definitionen: Definitionen von in der Funktionsbeschreibung verwendeten Fachwörtern wie beispielsweise Verriegelungen, Schaltpunkte.
  • Verfahrensbeschreibung: Übergeordnete Verfahrensbeschreibung der Anlage oder Verweis auf eine separate Verfahrensbeschreibung.
  • Betriebsarten: Beschreibung und Definition der Betriebsarten, in welcher die verfahrenstechnische Anlage betrieben werden kann.
  • Teilsysteme: Bei komplexen Systemen empfiehlt sich eine Untergliederung in Teilsysteme.
    • Verfahrensbeschreibung: Knappe Beschreibung der Funktion des Teilsystems in Fließtextform.
    • Schnittstellen: Stoff- und Energiestromschnittstellen des Teilsystems. Darstellung in Tabellenform oder als Grafik.
    • Referenzdokumente: PFD– und R&I-Dokumentennummer, mit Seitenangabe, auf welcher das Teilsystem zu finden ist.
    • Betriebsarten: Betriebsarten, in welchen das Teilsystem betrieben werden kann.
    • Anlagenmodule: Beschreibung von Anlagenmodulen mit eigenen Steuerungs- und Regelungsfunktionen, sofern komplette Anlagenmodule in dem Teilsystem vorhanden sind.
    • Apparate und Maschinen: Übersicht der Apparate und Maschinen des Teilsystems und deren Referenzkennzeichnung.
    • Motoren: Tabellarische Beschreibung aller Motoren des Teilsystems mit deren Bezeichnung, Referenzkennzeichnung, Betriebsarten, zugehörigen Regel- und Steuerungsfunktionen, Startbedingungen, Verriegelungen, etc.
    • Armaturen: Tabellarische Beschreibung aller (Antriebs-)Armaturen des Teilsystems mit deren Bezeichnung, Referenzkennzeichnung, Betriebsarten, zugehörigen Regel- und Steuerungsfunktionen, Öffnen- und Schließbedingungen, Verriegelungen, Sicherheitsstellung (fail position), etc.
    • Regel- und Steuerkreise: Charakterisierung des Regel- bzw. Steuerkreises mit dessen Bezeichnung sowie Referenzkennzeichnung.
      • Beschreibung: Beschreibung des Regel- bzw. Steuerkreises in Fließtextform.
      • Reglertyp: Art des Reglers, welcher eingesetzt wird, um die Regelgröße auf dem gewünschten Sollwert zu halten (z.B. PID-Regler).
      • Regelgröße: Bezeichnung und Referenzkennzeichnung der Regelgröße.
      • Stellglied: Bezeichnung und Referenzkennzeichnung des Stellgliedes.
      • Sollwert: Sollwert des Regelgliedes. Bei verschiedenen Sollwerten je nach Betriebsart werden mehrere Sollwerte je nach Betriebsart angegeben.
      • Sicherheitsrelevant: Angabe, ob der Regel- bzw. Steuerungskreis sicherheitsrelevant ausgeführt wird oder nicht.
    • Berechnungen: Nicht in die Regelung eingreifende Berechnungen, wie zum Beispiel Berechnungen von Differenzdrücken.
    • Anfahrablauf: Chronologische Sequenz, welche beim Anfahren/Änderung der Betriebsart des Teilsystems durchlaufen werden muss. Darstellung in Tabellenform oder als kleines Fließschema mit notwendigen Voraussetzungen zum Starten der Sequenz.
    • Abfahrablauf: Chronologische Sequenz, welche beim Abfahren/Änderung der Betriebsart des Teilsystems durchlaufen werden muss. Darstellung in Tabellenform oder als kleines Fließschema mit notwendigen Voraussetzungen zum Starten der Sequenz.
  • Anhang: Um nicht bei jeder Änderung die gesamte Funktionsbeschreibung anpassen zu müssen, bietet es sich an, einige Informationen im Anhang zu sammeln oder auf weitere Dokumente zu verweisen.
    • Messstellenliste: Tabellarische Auflistung aller Messstellen der verfahrenstechnischen Anlage sowie deren Stammdaten.
    • Signal- und Alarmliste: Signale und Alarme sämtlicher Instrumente der verfahrenstechnischen Anlage, inklusive Referenzkennzeichnung, Bezeichnung des Instruments, sowie Werten. Aufgrund der großen Anzahl an Daten bietet sich eine tabellarische Darstellung an.
    • Ursache-Wirkung-Liste (cause&effect matrix): Tabellarische Darstellung der in der Funktionsbeschreibung beschriebenen Funktionen. Hierbei werden in einer Matrix nach unten Ursachen (Auslöser, z.B. Erreichen eines bestimmten Schwellwertes eines Messinstrumentes) und nach rechts die Wirkung (Aktion, z.B. Schließen einer automatisierten Armatur) dargestellt.

Beispiel (Auszug)

0073_MDB_Funktionsbeschreibung

Projektname: Neutralisationsanlage FENOM
Projektnummer: A_0187
Auftraggeber: verfahrenswerk.de

Max Mustermann
maxmustermann@verfahrenswerk.de
+49123456789

RevisionDatumBeschreibungErstellerPrüferFreigeber
0122.05.25Erster EntwurfMax MustermannEva InspektHans Leitung
0224.06.25Ergänzung Kapitel 4Peter KorrektEva InspektHans Leitung

4. Teilsystem Dosiermodul Salzsäure

4.1 Verfahrensbeschreibung

Das Dosiermodul Salzsäure wird zur Bereitstellung von verdünnter Salzsäure für die Neutralisationsanlage genutzt. Das Modul besteht aus einem 100 L Vorlagetank (HCl-Vorlagetank) sowie einer Kreiselpumpe (HCl-Pumpe) und der notwendigen Instrumentierung. Der Vorlagetank wird manuell befüllt und mittels einer Füllstandsüberwachung automatisiert überwacht. Die verdünnte Salzsäure wird mittels einer frequenzgesteuerten, druckgeregelten Kreiselpumpe an die Abnehmer verteilt.

4.2 Schnittstellen

Schnittstelle_Funktionsbeschreibung_Beispiel

4.3 Referenzdokumente

DokumententitelSeiteRevision
0073_MFB_Grundfließschema11.0
0073_MFB_Verfahrensfließschema13.0
0073_MFB_R&I73.4

4.4 Betriebsarten

  • Automatikmodus: Das Teilsystem wird vollautomatisiert, ohne Eingriff des Anlagenbetreibers gefahren.
  • Manueller Modus: Alle Variablen und Armaturstellungen werden manuell vom Betreiber festgelegt.

4.5 Anlagenmodule

In diesem Teilsystem sind keine Anlagenmodule vorhanden.

4.6 Apparate und Maschinen

BezeichnungReferenzkennzeichnung
HCl-VorlagetankB1206
HCl-PumpeP1206

4.7 Motoren

Bezeichnung

HCl-Pumpe Motor

Referenzkennzeichnung

PM1206

Betriebsarten

Automatikmodus, Manueller Modus

Konfiguration (Hauptmotor, Reserve)

Hauptmotor

Freigabebedingungen (permissives)

Kühlkreislauf UC-P2446 EIN

Der Kühlkreislauf der Neutralisationsanlage muss aktiv sein, bevor die HCl-Pumpe gestartet wird, damit die entstehende Neutralisationsenergie sicher abgeführt werden kann.

Verriegelungen (interlocks)

Füllstand LI-L1206 LL

Unterschreitet der Füllstand des HCl-Vorlagetanks B1206 den zulässigen unteren Grenzwert (LL), wird der Motor gestoppt (Trockenlaufschutz).

Leckageerkennung LI-L3000

Erkennt die Leckageerkennung L3000 in der Auffangwanne des HCl-Tanks eine Leckage, stoppt der Motor.

4.8 Armaturen

Bezeichnung

HCl-Absperrhahn

Referenzkennzeichnung

XV120601

Betriebsarten

Automatikmodus, Manueller Modus

Sicherheitsrelevant

nein

Sicherheitsstellung

Fail closed

Stellungsrückmeldung

G120601

Freigabebedingungen (permissives)

nicht zutreffend

nicht zutreffend

Verriegelungen (interlocks)

Leckageerkennung LI-L3000

Erkennt die Leckageerkennung L3000 in der Auffangwanne des HCl-Tanks eine Leckage, schließt der Absperrhahn XV120601, um einen weiteren Austritt von HCl (aq) zu verhindern.

4.9 Regel- und Steuerkreise

Bezeichnung

Druckregelung HCl-Pumpe

Referenzkennzeichnung

YC-P120601

Betriebsarten

Automatikmodus

Sicherheitsrelevant

nein

Reglertyp

PID

Stellglied

NC-PM1206

Regelgröße

PI-P1206

Sollwert

1,3 barg

Beschreibung

Die HCl-Pumpe P1206 wird durch ihren integrierten Frequenzumrichter auf den Druck von 1,3 barg in der Versorgungsleitung (P1206) geregelt. Die Mindestfrequenz der Pumpe von 22 hz wird nicht unterschritten. Die Mindestfördermenge der Pumpe wird über die integrierte Rückführleitung sichergestellt.

Bezeichnung

Leakgesteuerung Dosiermodul

Referenzkennzeichnung

YS-L300001

Betriebsarten

Automatikmodus

Sicherheitsrelevant

nein

Reglertyp

Abschaltung

Stellglied

NC-PM1206, XV120601

Regelgröße

LI-L3000

Sollwert

Abschalten, Schließen

Beschreibung

Wird die Leckageerkennung L3000 in der Auffangwanne des HCl-Tanks aktiv, wird der Motor gestoppt. Mit einer Verzögerung von 12 Sekunden schließt der Absperrhahn XV120601, um weiteren Austritt von HCl (aq) zu verhindern.

4.10 Berechnungen

Bezeichnung

Berechnung HCl Verbrauch

Referenzkennzeichnung

UC-F300001

Variablen

FI-F3000

Durchflussmessung HCl (aq) Versorgungsleitung

AI-X3000

pH-Wert Messung HCl (aq) Versorgungsleitung

Beschreibung

Der molare Verbrauch an HCl wird über diese Berechnung ermittelt. Hierzu wird der pH-Wert der Messstelle AI-X3000 zur Ermittlung der tatsächlichen Stoffmengenkonzentration der Salzsäure gemäß dem Zusammenhang {\displaystyle \mathrm {pH} =-\log _{10}a\left(\mathrm {H} ^{+}\right)} ermittelt. Die Stoffmengenkonzentration wird mit dem gemessenen Volumenstrom der Durchflussmessung HCl (aq) Versorgungsleitung FI-F3000 multipliziert und das Ergebnis aufsummiert, um die verbrauchte Stoffmenge an HCl zu ermitteln.

4.11 Anfahrablauf

Voraussetzungen:

  • Kühlkreislauf UC-P2446 aktiv.
  • Teilsystem Dosiermodul Natronlauge aktiv.
  • Alle Handarmaturen in korrekter Position und quittiert durch Betreiber.

Ablauf:

  • Anfahrablauf wird durch Betreiber initiiert.
  • Leckageerkennung YS-L300001 wird aktiviert.
  • HCl-Absperrhahn XV120601 öffnet.
  • Stellungsrückmeldung G120601 meldet komplett geöffneten Hahn.
  • Regelkreis YC-P120601 wird aktiviert.
  • Anfahrablauf wird durch Erreichen des eingestellten Drucks von PI-P1207 abgeschlossen.

4.12 Abfahrablauf

Voraussetzungen:

  • Zulaufarmatur Neutralisationsanlage XV6823 geschlossen.

Ablauf:

  • Abfahrablauf wird durch Betreiber initiiert.
  • Regelkreis YC-P120601 wird deaktiviert.
  • HCl-Absperrhahn XV120601 schließt.
  • Stellungsrückmeldung G120601 meldet komplett geschlossenen Hahn.

Vorlage

Das Beispiel oben kann als Word-Vorlage hier runtergeladen werden:

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